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ABGEFAHREN – das Auto in der Kunst

by cctv_admin
AUTOR: Jürgen Lewandowski

Eine sehenswerte Ausstellung im Künstlerhaus Marktoberdorf

Als das Haus der Kunst in München 1986 den 100. Geburtstag des Automobils mit einer großen Ausstellung unter dem Titel „Das Automobil in der Kunst“ feierte, schrieb der Kurator Reimar Zeller in seinem Vorwort: „die industriellen Erfindungen des 19. Jahrhunderts war ja lange vor dem Auftauchen der pferdelosen Kutsche Gegenstand  künstlerischer Auseinandersetzung geworden. Die Interieurs der Fabrikwelt, das Dampfschiff, die Eisenbahn und die frühen Versuche der Aviatik wurden von namhaften Malern dargestellt. Sollte das Automobil eine Ausnahme machen, zumal der Motorwagen, den Carl Benz und Gottfried Daimler gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts auf die Straße setzten, zum Lieblingsspielzeug des homo faber geworden war?“

TITELBILD: Ludwig Arnold und David Hockney – Monika Lewandowski / art&car-Verlag

BILD: Ernst Heckelmann”Stranded_2019″Acryl auf Papier 110 x 200 cm

Und weiter schreibt Reimar Zeller, dass das Automobil nicht nur Geschichte, sondern auch Kunstgeschichte gemacht hat – und der französische Maler André Derain beispielsweise verkündete: „Mein Bugatti ist schöner als alle Kunstwerke!“

Es ist ja irgendwie überraschend, dass das Thema Automobil in der Kunst – im Gegensatz zu dem Thema Technik in der Kunst – eher unterentwickelt ist. Dabei haben Künstler wie Fritz Köthe oder Tamara de Lempicka bereits in den zwanziger und dreißiger Jahren außergewöhnliche Kunstwerke mit automobilen Themen geschaffen. Nochmals Reimar Zeller: „Es ist erstaunlich, dass man bisher automobilistische Artefakte lediglich als Objekte der Trivialkunst, wenn nicht als quantité négligeable ansehen zu können glaubte. Immerhin hat das Museum of Modern Art in New York in seinem prachtvollen Bestandskatalog das Design eines von Pinin Farina geschneiderten Modells mitten in die Abbildungen der Malerei und Skulpturen gesetzt.“

In den vergangenen 35 Jahren hat sich die Rezeption von Kunstwerken mit automobilem Bezug nicht wirklich verändert – Sammler und Spekulanten lieben die Pop-Art, wenn sie aus den mittlerweile verklärten Werkstätten von Andy Warhol, Robert Rauschenberg oder Claes Oldenburg stammen, umso besser, umso teurer. Und dabei stört dann auch ein Automobil, oder ein Detail eines Automobils als Sujet nicht weiter – es darf aber natürlich auch eine Tomatendose sein.

Im Nachhinein gesehen ist es sowieso ein Wunder, dass Jochen Neerpasch in den frühen siebziger Jahren die BMW-Werks-Rennwagen, die die Münchner in Le Mans antreten ließen, von den besten Künstlern ihrer Zeit gestalten lassen durfte. Der damalige BMW-Vorstand fand die Idee, einen BMW-Rennwagen von Alexander Calder, Frank Stella, Roy Lichtenstein oder Andy Warhol bemalen zu lassen, so merkwürdig, dass man es dem damaligen PR-Chef überließ, hier eine Entscheidung zugunsten der Art Cars zu treffen.

Mittlerweile sind die BMW Art Cars eine Institution, um die BMW vom Rest der Automobil-Hersteller beneidet wird – und wer die Original- Maquetten im Künstlerhaus in Marktoberdorf betrachtet, ahnt, dass es zwischen den automobilen und künstlerischen Welten doch Überschneidungen geben muss.

Überschneidungen, die seit dem Mai im Künstlerhaus Marktoberdorf zu betrachten sind – dazu die Museumsdirektorin Maya Heckelmann: „Seit mehr als 100 Jahren bestimmt das Auto das Alltagsleben vieler Menschen, und es gibt gleichzeitig wohl kaum einen Gegenstand, der so sehr polarisiert. Autos sind Fluch und Segen zugleich, Designwunder und Umweltkiller, Symbole für Flexibilität und Freiheit, Kultobjekte und geradezu erotische Statussymbole.
Schon die Futuristen hatten Anfang des 20. Jahrhunderts die Geschwindigkeit des Autos zum ästhetischen Prinzip und zur Konstante der Moderne erklärt – und empfanden einen „Rennwagen schöner als die Nike von Samothrake“ (Filippo Tommaso Marinetti).“

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, kann das kleine, aber feine und architektonisch beeindruckende Museum mit den bemerkenswerten Maquetten von Weltstars wie Sandro Chia, David Hockney, Jenny Holzer, Roy Lichtenstein und Andy Warhol – für deren Zurverfügungstellung BMW zu danken ist – auf eine Basis von erlesener Qualität zurückgreifen. Ergänzt wird diese Ausstellung mit Gemälden von Ludwig Arnold, Ernst Heckelmann, Sven Kroner und Martin Paulus, wobei besonders die expressiven Bilder von Ludwig Arnold beeindrucken.

Man hat sich in Marktoberdorf sichtlich Mühe gegeben, das Auto als emotional aufgeladenen Gegenstand in Fotografie, Malerei, Bildhauerei und Videokunst zu präsentieren. So ist noch die beeindruckende Arbeit „Der Öltisch“ von Dana Lürken zu sehen, die einen edel gedeckten Tisch zeigt, bei dem die Teller, die Gläser und das Besteck in einem sorgfältig mit Motor-Öl gefüllten Tischgestell liegen – eine derart perfekt ausgeführte Arbeit, dass das Schild „Bitte nicht berühren“ essenziell ist, da man sonst dazu geneigt wäre, ein Messer oder ein Glas in die Hand zu nehmen.

Die gezeigten Fotos stammen von 21 verschiedenen Fotokünstler*innen, die mit völlig unterschiedlichen Einzelwerken oder Serien eine Konfrontation mit Bildern von Unfällen und leeren Straßen, parkenden oder wild abgestellten, verfallenden Autos, mit Oldtimer-Rallies oder schlicht unterwegs „On the Road“ vermitteln. Und natürlich ist auch die Videokunst vertreten – hier zeigt die Schweizer Performance– und Objektkünstlerin Sylvie Fleury ihren 50 Minuten-Film Car-Wash.

Interessanterweise hat das Thema Auto und Mobilität seit der grandiosen Ausstellung im Jahr 1986 eine deutliche Veränderung erfahren – dazu nochmals Maya Heckelmann: „Lange galten Autos als Inbegriff der Mobilität – einem der Megatrends des 21. Jahrhunderts: »Mobilität beschreibt alle Möglichkeiten und Fähigkeiten zur Überwindung des Raumes, inklusive ihrer subjektiven Wahrnehmung und der Bewertung von Alternativen.« (Zukunftsinstitut, Glossar Mobilität). Doch die Verkehrswende ist längst eingeläutet und die Ikone individueller Mobilität verliert zunehmend an Bedeutung – deswegen versteht sich die Ausstellung sowohl als Ode als auch als Abgesang.“

Mit dieser Ausstellung hat das Künstlerhaus Marktoberdorf einem unterschätzten Sujet einen großen Gefallen getan – das Thema Auto in der Kunst ist eben doch ein großes Thema, dem man noch mehr Raum geben sollte.

Da der Besuch in Marktoberdorf in diesen Zeiten nicht für jeden interessierten Betrachter darstellbar sein dürfte, bietet das Künstlerhaus unter www.kuenstlerhaus-marktoberdorf.de einen ersten Einblick – dazu erscheint ein Katalog zum Preis von 10 Euro. Die Ausstellung schließt am 29. August 2021.

Künstlerhaus Marktoberdorf

Kemptener Str. 5

87616 Marktoberdorf

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